Seit ihrer Kindheit steht die Journalistin Emília unter dem Einfluß Emily Dickinsons: “Emily Dickinson wohnt in mir wie eine chronische Krankheit, manchmal unbemerkt, dann wieder schmerzlich prãsent. Als Jugendliche wollte ich ihre Existenz enthüllen, ihr die Essenz rauben und mich in sie verwandeln. Wenn ich nach Hause kam, schlüpfte ich aus Rolle Emílias in die Rolle Emilys, zog mir ein vergilbtes Nachtemd an, das ich in einem Secondhandladen gekauft hatte, wickelte die lockigen Haare auf, steckte sie über den Ohren fest und schloß mich in meinem Zimmer ein, um zu schreiben, zu lessen oder um ihre Gedichte abzuschreiben oder zu übersetzen,”

 

Emilías Leben ist geprägt vom frühen Tod des Vaters und der Gefühlskälte der Mutter. Sie erschafft sich ihre eigene Welt, bevölkert von Wesen, mit denen sie spricht, die ihr vom Vater als Stern am Himmel erzählen. Im privaten Englischunterricht dann erfährt sie von Emily Dickinson und gerät mehr und mehr in die Fänge dieser Dichterin. Verse durchsetzen ihr Schreiben, sie führt eine abstrus-erotische Chat-Korrespondenz mit einem Unbekannten, der sich Dik nennt, und lernt schließlich einem Piloten kennen, in den sie sich verlieben würde, wenn sie sich denn verlieben könnte. Doch die Grenzen zwischen ihr und Emily Dickinson verschwimmen bereits.

 

Ana Nobre de Gusmão hat einen Roman über Abhängigkeit und Faszination geschrieben, der zugleich eine Hommage an eine große Dichterin ist. Man erfährt so viel über Emily Dickinson, daß wohl jeder Leser nebenher deren Gedichte zur Hand nehmen wird.

Die Gefangene von Emily Dickinson

Weidle Verlag, Bonn, 2013

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Studentinnen und Studenten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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